Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Die Lage in Chile – eine Übersetzung

In Allgemeines, International on 29. Dezember 2019 at 13:44

Chile: „Ich weiß nur, das ist nicht Marx. Es ähnelt eher Bakunin“ von Grupo Anarquista Germinal (Concepción/ Chile, 04.12.2019), vorgetragen auf der Demo am 21.12.2019

Es ist jetzt die Zeit der nachbarschaftlichen und gleichberechtigten Organisationen und Kollektive. Die Regierung versteht nicht, dass dies ein Kampf ist, der schon lange vor der Rückkehr der Demokratie begonnen hat. Denn es ist ein Kampf, in dem wir alle uns erhoben haben: Kleinbäuer*innen (pobladores), Studierende, Arbeiter*innen, Hausfrauen und Hausmänner, Kinder und Jugendliche, die alle eine neue Verfassung anstreben, die jeden miteinbezieht.

Doch letztendlich haben wir eine Verfassung bekommen, die auf der Ebene der politischen Parteien abgeschlossen wird, welche niemand anderen miteinbeziehen als sie selbst. Darüber hinaus haben sie gesetzliche Abkommen getroffen, die ihnen nützten und über Mittelspersonen Zugriff auf die großen Reichtüme des Landes gewährten. Bereits Ende der 1980er sagten wir, dass was hier im Entstehen begriffen war, eine Parteidiktatur sein wird; denn der einzige Weg, der anerkannt und erlaubt sein soll, um Stellvertretung auszuüben bzw. ein*e Stellvertreter*in zu sein, ist durch die politischen Parteien.

In den 1990ern wurde eine neue Art der Zusammenkunft und des Handelns entwickelt, welche die autoritäre und ausschließende Struktur der traditionellen Organisationen in Frage gestellt hatte. Jedoch mit den Praktiken aus den 1980ern wurden Organisationen aufgebaut, die ganz langsam vom Autoritarismus und von einer verlogenen Führerschaft durchzogen

und übernommen wurden (was nicht bedeuten soll, dass es eine „ehrliche“ Führerschaft gibt oder dass sie besser wäre).

Dennoch gibt es noch Organisationen, deren Ziel weiterhin eine inklusive Verfassung ist. Und eben diese haben auch bewusst keine Anführer*innen oder Stellvertreter*innen und schaffen es die gesamte Gesellschaft mit einzubeziehen, die langsam ihre Stärke und ihre Solidarität im Kampf entdeckt.

Diese Auseinandersetzungen der letzten vier Wochen haben es ermöglicht, auf eine aktive und alarmierende Weise die dringenden Forderungen aufzuzeigen. Die haben jedoch nichts mit der Einführung von 30 Dollar teuren U-Bahn-Tickets zu tun, sondern viel mehr mit den Plünderungen, bei denen die gestohlenen Güter an die Bevölkerung zurückgegeben wurden.
Oder mit den ausgetrockneten Flüssen, deretwegen viele Menschen ihre Tiere nicht tränken oder ihr Getreide nicht gießen können, während ein einziger „Herr“ (señor) viele Hektar Land sehr gut bewässern kann.

Ebenso wie diese Flüsse, deren Strom zurückgekehrt ist, strömt auch die Bevölkerung als ein Ganzes, durch die Sozial- und Basisorganisationen, abseits von den Parteien, welche seit vielen Jahrzehnten ihre Kämpfe gelenkt haben. Die Menschen haben erste Schritte auf dem Weg der Selbstbestimmung gemacht, sind aktiv geworden und sprechen für sich selbst. Ihr Ziel sind grundlegende Veränderungen und dadurch wird das Modell des radikalen Kapitalismus in Frage gestellt.

Als Anarchist*innen sehen wir, dass diese Protestkundgebungen es geschafft haben, eine grundsätzliche Verschiebung der gesellschaftlichen Kämpfe hervorzubringen. Daraus hat sich ein Aufstand entwickelt, der die wirtschaftlichen Symbole angegriffen hat, die für die Unterstützung dieses Systems stehen. Dieses befindet sich nicht in der Krise, sondern im Niedergang. Denn genauso, wie die Liberalen den Sozialismus in Venezuela als ein System bezeichnen, das keine Antworten mehr hat, so verhält es sich mit dem chilenischen Liberalismus, der auch nicht mehr antwortet, denn er ist auf einer ideologischen Vorstellung gebaut, die durch Waffen erzwungen wird und von der Überschuldung der Einzelnen aufrechterhalten wird.

Die Menschen in ihren gleichberechtigten Organisationen und Bezugsgruppen haben es geschafft auf den Straßen zu bleiben angesichts und trotz der bewaffneten Armeen. Und anstatt, daß es weniger Demonstrationen gibt, haben diese noch zugenommen und mehr Leute haben sich aus Protest gegen die Polizeigewalt angeschlossen.

Wir denken, dass es gleichzeitig zu der Aufrechterhaltung der Barrikaden und innerstädtischen Proteste wichtig ist, den Aktivismus fortzusetzen und wirkliche Basisversammlungen zu organisieren; damit diese das Vorgehen besprechen und durch Diskussionen die Richtung der Kämpfe vorgeben, gemeinsam mit den von der Unterdrückung und der Macht des Staates befreiten Gebieten.

Es gibt auch einen Entwurf für ein Grundeinkommen in Chile („Chile Minimo“), mit dem wir Fortschritte in Richtung einer neustrukturierten Gesellschaft machen: mehr Solidarität, mehr Aktionen und mehr Kämpfe.

Lasst uns weiterkämpfen bis alle Politiker*innen weg sind: Alle müssen gehen!
Organisiert euch, um zu kämpfen, nicht um zu führen!

Grupo Anarquista Germinal (Concepción/ Chile)

 

Weitere Infos:

Chile: Bericht über die proletarische Revolte in Santiago

 

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