Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

WAS-Rede auf der Seamox-Kundgebung am 18.3.2021

Liebe KundgebungsteilnehmerInnen, liebe PassantInnen,

Wir, das Wiener ArbeiterInnen Syndikat (WAS), protestieren heute vor der Firma Seamox, die ihren Firmensitz hier in der Rudolf-Nurejew-Promenade 1/1/6 hat. Wir stehen heute hier, weil ein Genosse unserer spanischen Schwestergewerkschaft CNT noch immer nicht das Gehalt für 100 Stunden geleistete Arbeit bekommen hat. Er wurde Ende 2019 mit diversen Versprechungen nach Wien gelockt, wo er als in einer Kette von drei Subunternehmen (deren letztes Glied Seamox ist) als vierter Subunternehmer für einen großen Telekommunikationskonzern arbeiten sollte. Doch in Wien stellte sich heraus, dass es in Wirklichkeit bloß ein normaler abhängiger Job ist, der angemeldet werden musste. Zuerst wurde ein solcher mit Arbeitsvertrag unserem Genossen von der Firma Seamox auch in Aussicht gestellt, aber er wurde immer wieder vertröstet, bis er schließlich die Notbremse gezogen hat. Sein Gehalt hat unser Genosse aber bis heute nicht bekommen …

In unseren Recherchen zu diesem Fall wurde deutlich, dass diese Methoden keine Zufälle sind, sondern System haben. IT-EntwicklerInnen aus Südeuropa werden hierher nach Wien gelockt und dürfen in den Zentren des europäischen Kapitalismus unter prekären Bedingungen arbeiten, besonders gern selbständig oder scheinselbstständig. Interessant in diesem Zusammenhang auch das Geschäftsmodell zur Vermeidung von Sozialabgaben in Österreich: Unser Genosse durfte immer nur drei Tage pro Woche in Österreich arbeiten und hat die restliche Zeit aus dem Homeoffice in Spanien gearbeitet, wodurch die österreichische Sozialversicherung nicht angefallen ist und wodurch er zudem auf den Kosten für Flüge von etwa 1100 Euro sitzengeblieben ist.

Auch ist die bewusst verschachtelte und undurchschaubare Konstruktion von drei Subunternehmen wundervoll geeignet, um Verantwortung für Arbeiterrechte und Löhne abzuschieben, wenn irgendetwas schief geht. Und dass Menschen, die tausende Kilometer entfernt leben und kein Deutsch sprechen, kaum vor österreichischen Gerichten klagen werden, ist natürlich auch eingeplant.

Diese Zustände von Lohnraub, Aushebelung von Sozialstandards und den allgemeinen sozialen und ökologischen Irrsinn des modernen globalisierten Kapitalismus nehmen wir nicht hin! Leider hat sich die Firma Seamox bisher nicht einsichtig gezeigt. Im Gegenteil: Die Reaktion auf unsere erste Kundgebung vom Oktober 2020 vor Seamox war ein plumper Repressionsversuch! Der Firmeneigentümer bzw. seine Ehefrau haben zwei strafrechtliche Anzeigen gegen uns gestellt. Jedoch wurden beide zurückgewiesen, da es keinen Anfangsverdacht gab bzw. sie offensichtlich konstruiert und widersprüchlich waren.

Dieser erbärmliche Versuch, uns einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, war jedoch nicht erfolgreich, und wir stehen trotzdem hier!

Wenn Sie sich informieren wollen über diesen Wiener Wirtschaftskrimi, in den die Firma Seamox, ein Firma hier aus Kaisermühlen, aus Ihrer Nachbarschaft verwickelt ist, dann kommen Sie her, nehmen Sie sich Flugzettel, danke.

Veröffentlicht auf dem WAS-Blog am 23.3.2021, kopieren mit Quellenverweis möglich.