Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Arbeitskampf im Café Gagarin

In Antirassismus, ArbeiterInnenkämpfe Ö, Feminismus, Gastronomie, Termine (vergangene) on 9. Mai 2022 at 02:40

this article in English

Kundgebung zum Gagarin Straßenfest

21. Mai, 17 bis 20 Uhr
Garnisongasse 24, 1090 Wien

Unterstützt den Kampf gegen ausbeuterische Strukturen im Café Gagarin!

In den letzten Jahren war das vermeintlich „antiautoritäre“, „kollektiv geführte“ Café Gagarin ein Ort intensiver interner Auseinandersetzungen. Fragen über die vorherrschenden prekären Arbeitsbedingungen werden seit langem erfolglos diskutiert. Obwohl das Café Gagarin nach landläufiger Meinung von einem Kollektiv gleichberechtigter Arbeiter:innen betrieben wird, hat es in Wirklichkeit eine Trennung zwischen dem „Kollektiv“ und den „Springer:innen“ gegeben. Die Mitglieder des „Kollektivs“ übernehmen mehr Verantwortung, haben aber auch mehr Privilegien, Macht und Status. Zufällig, oder vielleicht auch nicht, bestand das „Kollektiv“ zu diesem Zeitpunkt aus weißen Deutschen und Österreicher:innen, während die „Springer:innen“ hauptsächlich Migrant:innen sind.

Bei der Infragestellung des Status quo stießen die Beschäftigten immer wieder auf rassistische, autoritäre und chauvinistische Reaktionen. Die Forderung nach einer Umstrukturierung des Ortes wurde zunächst bis zu einem gewissen Grad geduldet, später kam es jedoch zu gewaltvollen und aggressiven Reaktionen.

Unser Gewerkschaftsmitglied wurde mehrfach von männlichen Mitgliedern des „Kollektivs“ angeschrien und öffentlich gedemütigt. Ihre Forderungen nach Verantwortungsübernahme diesbezüglich wurden ignoriert, und das Kollektiv hat versucht, die Situation als persönlichen Konflikt mit einer hysterischen Frau darzustellen. Schließlich beschloss sie, zu kündigen.

Für uns ist klar: Die starren Machtstrukturen machten es unmöglich, die Hierarchien und die schlechten Arbeitsbedingungen zu hinterfragen, in denen Ausbeutung und widerstreitende Klasseninteressen schamlos mit rassistischen und sexistischen Strukturen und deren individueller Reproduktion verwoben sind.

Das Problem daran, daß Arbeitsrechte nicht eingehalten werden, ist nicht etwa, daß Gesetze missachtet werden, sondern daß „linke Orte“ sogar die staatlichen Minimalstandards unterlaufen und so eine breite Akzeptanz für Ausbeutung in sämtlichen Arbeitsverhältnissen schaffen. Der Deckmantel der „guten Sache“ darf nicht dafür benutzt werden, die wenigen Grenzen der Ausbeutung zu verschieben und bezahlten Urlaub, 13. und 14. Gehalt, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall uvm. einfach zu negieren.

Wir sind uns bewußt darüber, daß ein an „solidarökonomischer Lebenskultur” interessierter Betrieb ein anderes Kaliber als ein normales kapitalistisches Unternehmen ist. Leider haben sich im Fall des Gagarin aber über die Jahre Strukturen entwickelt, die zu extremen Ausbeutungssituationen geführt haben und eine Lösung scheint nicht in Sicht zu sein. Die gesellschaftliche Falle der „externen Sachzwänge“ scheint jegliche Ideale verdrängt zu haben. Und schlimmer noch, uns erscheint die Situation wie wenn es keinerlei Klassenbewußtsein gibt und auch null Wissen und daher kein Bewußtsein für die geringsten Arbeitsrechte.

Wir fordern daher eine einmalige Entschädigung von unter 20% jenes Betrages, den unser Gewerkschaftsmitglied in den letzten 2,5 Jahren verdient hätte, wenn die arbeitsrechtlichen Mindeststandards eingehalten worden wären. Dieser Betrag setzt sich zusammen aus den Einkommensverlusten, die im Laufe der Jahre durch unrechtmäßig reduzierte Arbeitszeiten, nicht ausgezahlte Trinkgelder, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, unbezahlte Urlaube, fehlendes 13. und 14. Monatsgehalt usw. zusammengekommen sind.

Für uns als Gewerkschaft sind die Interessen der Lohnabhängigen – in diesem Fall die unwiederbringlich verlorenen Versicherungsjahre, die drohende Altersarmut, die Mehrfachbelastung als migrantische Arbeiterin usw. – zentral auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft.

Bislang hat es leider keine seriöse Reaktion vom Gagarin auf unser Angebot gegeben, die Sache gütlich und ohne Öffentlichkeit aus der Welt zu schaffen. Lediglich ein vages Gesprächsangebot mit der Lohnverrechnung Mitte Juni. So blieb uns nichts anderes übrig, als den Kampf öffentlich zu machen und ihn auf das Gagarin-Strassenfest zu bringen.

Und um gleich von Beginn an keine Missverständnisse aufkommen zu lassen; es geht hier nicht um individuelle Bösewichte! Es geht darum, daß ein alternativer Betrieb Strukturen reproduziert, gegen die er eigentlich einmal angetreten ist. Alle im „Kollektiv“ müssen sich die Frage gefallen lassen, wie es so weit gekommen ist und vor allem wie die Situation geändert werden kann, ohne weiterhin auf die Ausbeutung von Arbeitenden, hauptsächlich Arbeitenden die von Sexismus und Rassismus betroffen sind, zu setzen, und ohne die gesetzlichen Minimalstandards um bis zu 200% zu unterlaufen.

Wir wollen deutlich zeigen: Wir scheuen uns nicht, Bossen entgegenzutreten und gegen jegliche Formen der Ausbeutung zu kämpfen, auch wenn sie mit rot-schwarzen Farben übermalt werden!

Wir laden euch ein, am 21. Mai 17 bis 20 Uhr an unserer Demonstration vor dem Café Gagarin teilzunehmen! Die Adresse ist: Garnisongasse 24. Du findest uns bei den schwarz-roten Fahnen!

Kein Sexismus, kein Rassismus, keine Ausbeutung mehr!
Für die Befreiung aller Arbeiter:innen!

Flugblatt mit dem Kundgebungsaufruf für den 21. Mai 2022

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2022 auf wiensyndikat.wordpress.com. Kopieren mit Quellverweis möglich.