Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Theaterempfehlung: Der Bockerer

In Antifaschismus, Kulturelles und Rezensionen, Termine (vergangene) on 10. März 2022 at 23:17

In der Josefstadt steht Der Bockerer am Programm. Ein Klassiker in Sachen Wien unter den Nazis. Ein Stück großes Theater ohne postmodernem Schnickschnack: Achtsam modernisiert, ohne Opferallüren und Berührungsangst, dafür mit fein gezeichneten und charakterstarken Figuren, überzeugendes Schauspiel, begleitet von einer teils vagen multimedialen Angstkulisse nazistischer Propaganda und Tat. Ein Bühnenbild, das ohne falschen Geiz das materiell bescheidenere Leben in einer Welt ohne Massenkonsum plastisch werden lässt und somit den Mensch an sich in den Mittelpunkt rückt.

In diesem Fall einen Bewohner der Paniglgasse: Der Bockerer. Er ist Fleischhauer, spielt gerne Tarock, führt ständig Schmäh, geht gern mal mit Freund Hermann im Kahlenbergerdorf etwas trinken, sich selbst genug, lebt er in Frieden mit seinen Mitmenschen. Verheiratet ist er mit Binerl, die auch im G‘schäft steht, sie haben einen Sohn. Ob der Bockerer jetzt Parteimitglied ist oder vielleicht gar politisch anarchistisch aktiv ist, spielt weiter keine Rolle. In seiner Welt, da ist man eben lebenslustig und solidarisch, kann trotz Widrigkeiten auf ein Bewusstsein siegreicher Jahre Wiener Arbeiter*innen-Bewegung zurückblicken und hat ein Problem mit Obrigkeiten. Man mag glauben, es ist vielleicht mehr sein Lebensgefühl, als ein politisches Bewusstsein. Und diesem bleibt er treu, auch als die Nazi-Umtriebe beginnen, unübersehbar zu werden. Er kann nicht anders. Ja, ist er vielleicht ein bisserl einfälltig? Eine Weile vielleicht. Fast heldenhaft gelingt es ihm aus einer überdimensionierten Nazi-Fahne eine in erster Linie rote Fahne zu machen, ein erfolgreicher Affront gegen den Blockwart. Doch die Nazis lassen nicht locker und die Umstände zwingen Stellung zu beziehen. Binerl und sein Sohn haben dies schon längst auf der Ringstraße getan. Hermann auch: Ein Militärzug entgleist in Folge von Sabotage am Westbahnhof. Kurz später ist Hermann tot – „Arbeitsunfall“ am ersten Tag in Dachau, seine tapfere Witwe erhält die Okassion, für nur 135 RM und 65 Pf seine Asche nach Wien senden zu lassen. Es sind die kleinen abgrundtief-zynischen Details, die die grundböse Bösartigkeit immer wieder vor Augen führen. Die Großen wie die gezwungene Ausreise des Tarockpartners Rosenblatt, der Terror der Straße, der brutale Alltag der Gestapo im Gebäude eines Luxushotels in bester Lage – wie soll das ein Mensch je begreifen? Auch der Bockerer in der Josefstadt kommt da nicht herum. Es gibt keine Rettung durch Einfallt. Er wird dann eh sehr politisch, umreißt die Lage pointiert. Aber es ist niemand mehr zum Lachen da. Am Ende – nach den Nazis – hält er eine flammende Rede, aber es klingt alles anders. Das proletarische Wien ist nicht mehr, wie es war. Die Nazi-Jahre haben mit Mord und Flucht auch intellektuell ein Lebensgefühl zerrüttet. Dazu die klare, kämpferische, auch blumige Sprache der Zeit vor dem Weltenende. Ein Erbe, das uns Nachgeborenen fast verloren gegangen ist. Erinnerung an die Verbrechen allein, ist vielleicht zu wenig: Neben Menschen und Gewerkschaftslokalen haben die Nazis auch versucht, eine gesunde Grundhaltung des inneren Protest durch Gewalt verschwinden zu lassen. Wenn dumme Linke später dieses Verstummen als Grund hernehmen, gar die Existenz des Proletariats zu verneinen, dann spucken sie damit leider auf den Widerstand der Arbeiter*innen gegen die Nazis. Doch auch wir auf dem proletarischen Pfad der Geschichte sind andere, als wir es ohne die Nazis geworden wären. Es sind Figuren wie der Bockerer, die uns den einst beiläufigen Einklang aus persönlichem Handeln, politischer Position und der ökonomischen Situation leuchtend vor Augen führen. Sicher hat sich die Welt seit dem weiter gedreht, aber wem vor lauter „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ ein bisserl die Orientierung verloren gegangen ist, für die oder den werden die 26 Euro Eintritt bestimmt gut angelegt sein.

Der Bockerer im Theater in der Josefstadt. Die Termine im März: 14., 17. und 18. sowie am 7. Mai.

Foto: Astrid Knie, Theater in der Josefstadt

Artikel veröffentlicht am 10.03.2022 auf wiensyndikat.wordpress.com. Kopieren mit Quellenverweis möglich.

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