Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Geschlechterparität im WAS

In Arbeitszeit, Feminismus, Historisch on 30. November 2021 at 23:13

Kommentar eines WAS-Genossen

Mit den jüngsten Beitritten in unsere Gewerkschaft gibt es nun – erstmals in unserer fast 20-jährigen Geschichte – gleich viele Frauen wie Männer unter unseren Mitgliedern.

Mujeres Libres, Spanien, 1930er-Jahre.

Der Anarchosyndikalismus steht seit jeher vor dem Problem, daß er zu stark auf Lohnarbeit reduziert wird. Dadurch wird die unbezahlte Arbeit in der Gesellschaft, also beispielsweise „Haushalt machen“, Angehörige pflegen, Kinder erziehen etc. etc. zu wenig beachtet, obwohl sie ebenso Teil der gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeit ist. Daß dies so oft nicht im Fokus steht und nicht als Organisierungsgrund in einer Gewerkschaft gesehen wird, liegt einerseits an unserer Marginalisierung als bewußte ArbeiterInnenklasse, andererseits bildet es aber auch die realen gesellschaftlichen Zustände ab, die sich in Wahrheit unter der dünnen Decke der liberalen und ach-so-gleichberechtigten Gesellschaft weiterhin abspielen.

Hackeln gehen, und „die Familie ernähren“ wird auch weiterhin den Männern zugeschrieben. Der gesamtgesellschaftliche Backlash gegen die Frauenbewegung, welchen wir seit den 90er-Jahren beobachten können, macht auch vor alternativen und linken Zusammenhängen nicht halt. Daher ist es nicht verwunderlich, daß auch unsere anarchosyndikalistischen Gewerkschaften vor dem Problem stehen, daß es strukturell immer mehr männliche Mitglieder gegeben hat. Das war aber schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts so. Nicht ohne Grund wurde von Syndikalistinnen wie Milly Witkop damals der Syndikalistische Frauenbund gegründet. Aber auch die jüngsten Bemühungen, von Beginn an mehr Frauen einzubinden schlugen in den letzten beiden Dekaden fehl. Und das trotz einer sehr bewussten Wahrnehmung der Situation mit Versuchen die Fehler nicht zu wiederholen. Ein Grund warum Frauen sich schwieriger organisieren (können), den wir auch in Wien sehen, ist daß unsere weiblichen Mitglieder durchaus schlechtere Jobs haben. Sei es weil die Arbeitsstellen belastender sind, Geteilte Dienste bedeuten, oder schlechter bezahlt sind, und dadurch mehr Stunden gearbeitet werden muß.

Syndikalistischer Frauenbund, Deutschland, 1920er-Jahre.

Geholfen hat nun – wie wir es eigentlich seit dem 19. Jahrhundert propagieren – daß Frauen dort wo sie stehen für die Verbesserung ihrer eigenen Lebensrealitäten kämpfen. Also die ganz konkreten Bemühungen direkt etwas zu verbessern. Nicht die tausendsten theoretischen Abhandlungen oder Analysen von Zusammenhänge, vorzugsweise noch auf anderen Kontinenten, oder die mit Löffeln gefressenen Weisheiten über politische Theorien. Nein, die tatsächliche gegenseitige Unterstützung und Direkte Aktionen für echte Alltagsprobleme haben das WAS letztendlich für Frauen attraktiv gemacht.

Freilich liegt noch ein weiter Weg vor uns, um die Frauenbewegung wieder erstarken zu lassen. Wir haben beispielsweise kaum Strukturen die Müttern, speziell Alleinerzieherinnen, die problemlose Teilnahme an unseren Aktivitäten ermöglichen. Auch ist es uns, trotz Versuchen schon Mitte der 00er-Jahre, nicht gelungen regelmäßig Treffen mit Kindern gemeinsam abzuhalten. Zaghafte Bemühungen, wie jene daß die Männer im Syndikat die Kinderbetreuung während den Frauendemonstrationen übernehmen, können nur die ersten Schritte sein.

Der gesellschaftlichen Mehrfachbelastung von Frauen muß auch in unseren Strukturen noch viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, und dann auch reale Handlungen daraus entstehen. Wichtig erscheint dabei auch den Blick für die echten Lebensumstände nicht zu verlieren. Die priviligierte Durchschnittsstudentin die dem Hilfshackler erklärt wie strukturell bevorteilt er sei, ist dabei nicht besonders hilfreich. Die alleinerziehende Hilfshackerin die Selbiges tut, schon eher.

Wir möchten daher explizit alle Frauen, auch in schwierigen Lebenslagen, einladen dem WAS beizutreten und sich zu organisieren. Anarchosyndikalismus hat Ideen für die komplette Gesellschaft in allen Bereichen. Daß die Gesellschaftsveränderung nur über Änderung der „Ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisse“ (Lohnarbeit, Arbeitslose, Männer als Ernährer, …) funktionieren kann, heißt nicht, daß Gewerkschaft sich nur mit Jobs beschäftigt!

Wir sind – auch nach Mainstreamdefinition – eine „freie Vereinigung zur Verbesserung unserer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen“. Daß nun endlich gleich viele Frauen wie Männer im WAS organisiert sind, ist ein erster – für uns sehr erfreulicher – Schritt.

Artikel veröffentlicht am WAS-Blog am 30. 11. 2021. Kopieren mit Quellenverweis möglich.

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