Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Generalverdacht gegen ArbeiterInnen in Sportgeschäften

In Solidarity, International, Handel on 19. November 2021 at 03:54

… in Österreich wie in der Türkei

Ein Mitglied des WAS, das sich zurzeit in der Türkei aufhält, berichtet von Beschwerden vieler MitarbeiterInnen der internationalen Sportgeschäft-Kette Decathlon in den letzten Wochen: Sie müssten sich systematischen Taschenkontrollen unterziehen. Gleichzeitig klagen auch in Wien MitarbeiterInnen einer anderen internationalen Sportgeschäft-Kette – JD Sports – über die gleichen Schikanen.

Bei Geschäftsschluß würde das Sicherheitspersonal von Decathlon sowohl die Taschen als auch die Kleider von allen MitarbeiterInnen kontrollieren (wie die lokale kommunistische Gewerkschaft Patronlarin Ensesindeyis berichtet). Als ob die offizielle Ausbeutung nicht ausreicht, würde durch diese Methode das Augebeutet-Werden nicht nur verstärkt, sondern die MitarbeiterInnen werden nun auch als Dieb gekennzeichnet. Dies sei Mobbing, melden die MitarbeiterInnen.

Die KollegInnen berichten, dass der Kassazettel bei einem Einkauf nicht ausreicht, sie müssen alles, was in ihre Tasche ist, dem Sicherheitspersonal vorzeigen. Wenn sie sich darüber beschweren, antworteten die Security, das sei eine Maßnahme des Managements für die Sicherheit und Schutz des Arbeitsplatzes.

Die MitarbeiterInnen kritisieren diese Vorgehensweise, weil sie dadurch zu potentiellen Dieben gemacht werden und sind verwirrt darüber, weshalb sie dann erst zu Kassa oder Abrechnung zugelassen werden.

Die Mehrheit der MitarbeiterInnen bei Decathlon sind Studierende, die ihre Studienzeit und ihr Privatleben zeitlich verkürzen, um mindestens eineinhalb Stunden zur Arbeit zu fahren, aber wegen der neuen verschärften Kontrolle verlängert sich dadurch die Zeit am Arbeitsplatz, die nicht bezahlt wird. Zeitgleich hören sie bei jeder Gelegenheit von dem Unternehmen, dass sie „eine Familie“ sind und empfinden diese Aussage als absolut widersprüchlich.

Die MitarbeiterInnen berichten, dass die Kontrolle ihrer Taschen und Kleider unangenehm ist und diese würdelose Maßnahme nicht akzeptabel ist. Sie fühlen sich wie in einem Gefängnis – ständig beobachtet und diszipliniert. Als Hintergrundinfo möchten wir hinzufügen, dass die Geschäfte in den großen Einkaufszentren – wo auch das Decathlon ist – bis 12 Uhr in der Nacht und auch sonntags offen haben. Supermärkte, Bäckerein sind bis 22 Uhr sowie auch sonntags offen, während nur Ämter bis 18 Uhr von Montag bis Freitag arbeiten.

Juristisch betrachtet ist das Durchsuchen der MitarbeiterInnen durch Sicherheitsleute ein Eingriff in das Privatleben und die Paragraphen 20 „Achtung der Privatsphäre“ und 17 „Verletzung der Rechte der Personen durch andere Personen“ der Verfassung verletzt. Das Durchsuchen einer Person ist nur unter gegebenem Anlaß als Vorsichtsmaßnahme erlaubt, allerdings müssen die MitarbeiterInnen weder ihre Taschen noch ihre Körper von einem Sicherheitspersonal durchsuchen lassen. Zudem darf ein Chef oder Sicherheitspersonal nicht mit der Kündigung drohen, wenn sich MitarbeiterInnen gegen diese Maßnahme wehren.

Wie viele wissen, ist die Schere zwischen Arm und Reich in der Türkei seit Erdogan viel größer geworden, das Personal „unterhalb“ des Managements genießt kaum Respekt und sind den Arbeitgebern chancenlos ausgeliefert.

Umso erstaunlicher ist es, genau dieselbe Maßnahme hier in Wien auf der Mariahilfer Straße bei JD Sports zu erleben; tatsächlich müssen auch hierzulande MitarbeiterInnen ihre Taschen dem Sicherheitspersonal bei Geschäftsschluß zeigen. Obgleich wir hierzu als Syndikat keinen Kontakt mit den Wiener MitarbeiterInnen haben, möchten wir diese entwürdigende Maßnahme hiermit sichtbar machen. Egal in welchem Land, der Kapitalismus hat keine Ethik und kennt auch sonst keinen Kodex außer den über alle Zweifel erhabenen Strichcode.

Zur rechtlichen Situation in Österreich: Diese ist der in der Türkei recht ähnlich. Taschen-Kontrollen ohne konkreten Verdacht bei allen MitarbeiterInnen, wie in diesem Artikel beschrieben, erfüllen nicht die Kriterien des § 80 Abs. 2 der StPO und bedürfen somit der Zustimmung der Mitarbeiter (oder des Betriebsrats, falls vorhanden, vgl. § 96 Abs. 3 ArbVG), welche in den beschriebenen Fällen offenbar von den Firmen nicht eingeholt wird. Eine Verweigerung der Taschenkontrolle darf kein Kündigungsgrund von Seiten der Firma sein (§ 105 Abs. 3 Z. 1 lit. i ArbVG).

Artikel veröffentlicht am 14.11.2021 am WAS-Blog. Kopieren mit Quellverweis möglich.

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