Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Österreichische Sektion der IAA

Ein Wiener Wirtschaftskrimi?

In ArbeiterInnenkämpfe Ö, Arbeitsrecht, Informationstechnik, International, Solidarity, Termine (vergangene) on 13. Oktober 2020 at 20:21

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Eine namhafte Telekommunikationsfirma, die ihren Namen hier nicht lesen möchte, es aber vielleicht bald tun wird, beauftragt eine namhafte Unternehmensberatung für einen Auftrag. Diese Unternehmensberatung, die ihren Namen ebenfalls hier nicht lesen möchte, es aber vielleicht bald tun wird, beauftragt wiederum ein IT-Unternehmen diesen Auftrag umzusetzen. Selbstverständlich will dieses IT-Unternehmen seinen Namen hier auch nicht lesen, es aber vielleicht sehr bald tun. Am Ende der Kette steht die relativ kleine SeaMoX Information Technologies GmbH (SeaMoX) aus Kaisermühlen, die international nach Fachkräften sucht und sie unter diversen Versprechen nach Wien holt.

Es ist aber auch eine Geschichte des modernen IT-Kapitalismus: Spezialist*innen aus Südeuropa, die im ganzen Kontinent gefragt werden, pro Stunde gut bezahlt, in der Regel respektvoll behandelt werden und doch prekär nach befristeten Aufträgen schnappen müssen. Am Ende sind sie eben doch billiger als ein fixe*r Ingenieur*in in München, Mailand oder Wien. Mal eine Anstellung für ein Projekt hier, mal ein freier Dienstvertrag dort. Mal von zu Hause, dann ein paar Tage vor Ort in einem der Zentren Europas. So hasten sie durch die Büros Europas großer Namen. In diesem Fall wäre unser Genosse aus Spanien als  Subunternehmer der vierten Ebene für eine große Wiener Telekommunikationsfirma tätig geworden!

Das Angebot zum Offshoring der Firma Seamox. Screenshot vom 9. Jänner 2020 ( Quelle: https://seamox.com/zielgruppen/)

Verstrickt, verraten und verkauft; zwischen Airbnb, den Flughäfen, unbezahltem Krankenstand, der Familie zu Hause und den Vorzügen des Home-Office (hier noch vor Corona). Am Ende die Firma eines Wiener Geschäftsmann, die aus all dem Schlamassel ihren Vorteil zieht: Sobald seine ,,Subunternehmer“ nur drei Tage pro Woche in Wien sind, sich aber vier Tage im EU-Ausland aufhalten, fällt keine österreichische Sozialversicherung an: Offshoring spart schnell 30% vom Arbeitgeber*innenaufwand. Arbeitnehmerentsendung heißt so etwas sozialversicherungssprachlich, am Bau kein Fremdwort – in der IT eine Innovation! Das ist das Angebot der Firma SeaMoX laut Internetseite. Dass in diesem Fall so gearbeitet wurde, bestreitet sie. Denn der Genosse soll selbstständig gewesen sein. Im Büro zu fix vorgegebenen Zeiten mit dem PC eines Subunternehmens – versteht sich. Also am Ende doch nur klassische Schwarzarbeit?

Dank akribischer Arbeit des WAS und dem betroffenen Genossen selbst wurde klar, dass es sich in diesem Fall gewiss nicht um eine Selbstständigkeit gehandelt hat. Denn erst unsere Recherche hat gezeigt, dass noch mehr Subunternehmen den Einsatz seiner Arbeitskraft vermittelt und gesteuert haben, als von vornherein klar war. Und bei all den Anweisungen und Fremdbestimmungen bleibt nur eine Interpretation übrig: Der Genosse war in Wien abhängig beschäftigt, mit einem ganz normalen Angestelltenverhältnis. Und sein Gehalt von November und Dezember 2019 ist bis heute ausständig! Unser Genosse hat trotz Ausgaben von über 1100,– Euro für Flüge und Unterbringung in Wien, bisher keinen Cent von der Firma SeaMoX gesehen. Daher rufen wir zu einer ersten Kundgebung am Mittwoch, den 14. Oktober 2020 um 17 Uhr an der Rudolf-Nurejew-Promenade 1, vor der Firma Seamox (direkt bei der Polizeistation Kaisermühlen, Nähe U1 Kaisermühlen) auf.

Wir erwarten von der Firma SeaMoX eine Entschuldigung für ihr Vorgehen in diesem Fall. Wir verlangen von der Firma SeaMoX, umgehend die ausständigen Gehälter zu bezahlen und eine Anmeldung bei der Sozialversicherung vorzunehmen. Wir raten der Firma SeaMoX dringend in Zukunft auf diese das Sozialsystem ruinierende Geschäftspraxis zu verzichten. Gegen Ausbeutung! Gegen Kapitalismus! Gegen Klimazerstörung!

Unsere Aktion steht im Zeichen der Internationale Aktionswoche der IAA gegen nichtgezahlte Löhne! Wir danken den Schwestergewerkschaften, die in diesem Fall mitgearbeitet haben. Danke an die CNT-AIT (ES) und die ARS aus Varna (BG).

Und wir lassen nicht locker: Wenn die Firma SeaMoX nicht diese Woche eine Lösung findet, dann werden wir uns nicht scheuen, die Involvierung der nicht ganz unbeteiligten namhaften Firmen offenzulegen und weitere Aktionen folgen zu lassen! Wenn sich Wiener Kostenrechner gedacht haben, mit dieser Praxis ihren Skiurlaub zu finanzieren, dann lautet unsere Antwort als organisierte Anarchosyndikalist*innen: Nicht mit uns! Nicht in dieser Stadt!

Veröffentlicht am 13.10.2020 auf dem WAS-Blog. Kopieren mit Quellenverweis möglich.


Mehr zur Aktionswoche und diesem Arbeitskampf:

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