Herrschaftsfreie Basisgewerkschaft – Freund*innen der IAA

Den Blick a bissl grad‘rücken!

In Allgemeines, Arbeitszeit on November 5, 2018 at 9:24 pm

oder
Wie sind die im ÖGB eigentlich beieinand?

Dieser Kommentar zu den gerade laufenden Kollektivvertragsverhandlungen und den angekündigten Kampfmaßnahmen der MetallerInnen soll beleuchten, wie bizarr das Spiel und die Scheindebatte um die jährlichen Lohnrunden mittlerweile eigentlich ist. Der ÖGB scheint jeglichen Realitätssinn für die HacklerInnen verloren zu haben. Großmundig wurde angekündigt, daß die neue 60-Stunden-Woche und der 12-Stunden-Tag, die seit September 2018 gesetzlich erlaubt sind, in den neuen KV-Verhandlungen abgegolten wird und sehr gute Abschlüsse erkämpft werden.

Metallerin - noch am hackeln... Bildlizenz: CCO

Metallerin – noch am hackeln … Bildlizenz: CCO

Ist das Ansinnen an sich eigentlich schon eine Bankrotterklärung einer Gewerkschaft – die nicht um die Bohne kämpfen will, obwohl sie gegen die Gesetzesvorlage der Rechts-/ rechtsradikalen Koalition Ende Juni diesen Jahres innerhalb einer Woche 130.000 ArbeiterInnen auf die Straße gebracht hat –, so ist die „Forderung“ von heißen 5% für die Metallbranche ein Trauerspiel sondergleichen!

Aber Alles der Reihe nach! Das Wichtigste ist nämlich sich zuerst einmal ein wenig zu bilden. Wovon wird eigentlich bei all den lustigen Zahlen, die bei Kollektivvertragsverhandlungen durch die Medien schwirren, gesprochen? Was ist der Hintergrund? Der ÖGB scheint in seinem ewigen Versuch die Sozialpartnerschaft (nebenbei bemerkt ist Sozialpartnerschaft eigentlich ein korporatistisches Konzept, das erstmalig vom Faschisten Mussolini eingeführt wurde) aufrechterhalten zu wollen, der jahrzehntelangen Propaganda von Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer derart auf den Leim gegangen zu sein, daß es keinen Bezug zu den Lebensrealitäten der ArbeiterInnen mehr gibt.

Ausgangspunkt für die Überlegungen zu diesem Kommentar war ein Posting im Standard unter einem Metaller-KV-Verhandlungsartikel. Darin meinte ein wohlwollender User, es wäre doch wichtig, daß die unteren Einkommensschichten mehr bekommen. Er verdiene zwar nicht besonders umwerfend, aber doch recht gut, würde also verzichten, wenn die unteren Einkommen nur eine gute Erhöhung bekommen würden. Die Krux an der Sache: Besagter Poster verdient nach eigenen Angaben rund 3.500,- Euro netto im Monat. 3.500,-  – nicht herausragend, aber gut, … meint er, …
3.500,- netto sind knapp 6.000,- brutto im Monat, also über 70.000,- brutto im Jahr. Schaut man sich nun die Einkommenspyramide aller 6,97 Millionen Einkommen in Österreich an, so haben 96,26% aller Menschen ein geringeres Einkommen. Es haben also nur 3,74% der Menschen in Österreich ein gleiches oder höheres Einkommen! Und da sind wirklich alle Einkommen, nicht nur die unselbständig Beschäftigten mitgerechnet!
So daneben kann man doch eigentlich als wohlwollender Mensch nicht liegen, wenn über 96 % der Menschen weniger haben, zu glauben das eigene Einkommen sei „gut aber nicht besonders“. Oja, kann man! Und so zieht sich das durch die komplette Gesellschaft. Nur allzu viele Menschen glauben, daß die Einkommen viel höher sind, als sie tatsächlich sind. Und: Sie selbst eh mehr Einkommen haben könnten, wenn nur dies oder jenes passieren würde. Noch ein gratis Praktikum, mehr unbezahlte Überstunden, Zusatzausbildung, … was auch immer. Ganz nach dem kapitalistischen Luftschloss „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Oder der Mär der UnternehmerInnen „Wer sich nur anstrengt, könnte mehr erreichen“. Aber die Verteilung der Einkommen (und erst recht des Vermögens) haben System. Die Struktur ist derart, daß die meisten Menschen einen Dreck verdienen. All Jenen, die gerade mal genug zum Überleben haben, soll der Blick auf die Realität vernebelt werden! In diesem Sinne hier also noch ein paar Schmankerl der aktuellen Einkommensverteilung:

  • Über 35% der Menschen haben ein Jahres-Bruttoeinkommen unter 15.000 Euro. Bei HacklerInnen also 900,- Euro netto oder weniger im Monat.
  • Die ärmste Million Menschen verdient weniger als 6.000,- Euro brutto pro Jahr!
  • Das Medianeinkommen – also jener Betrag, bei dem genau 50% der Menschen weniger und 50% mehr verdienen – liegt bei 20.400,- Euro brutto im Jahr. Das macht bei HacklerInnen 1.194,- Netto im Monat!
  • Während das Durchschnittseinkommen bei 40.223,- Euro jährlich – also fast dem Doppelten – liegt. Dies wäre der Betrag, den jeder Mensch zur Verfügung hätte, wenn die Einkommen gerecht aufgeteilt werden würden. Das wären nicht ganz 1.950,- netto im Monat.
  • 1,49% der Menschen mit Einkommen haben ein Einkommen über 100.000,- Euro brutto im Jahr.
  • Genau 444 Menschen haben aktuell ein Einkommen das über 1.000 000,- brutto im Jahr liegt.
  • 2.000,- Euro netto im Monat wären vielleicht ein Betrag, der nicht so fern der Realität eines „guten Einkommens“, wie der des oben erwähnten Posters, sind? Das sind also rund 3.000,- brutto monatlich. Leider verdienen auch hier 86,55% oder 6.033.184 Millionen Menschen weniger!

Jetzt haben wir also einen klareren Blick dafür, wovon wir sprechen, wenn wir von Einkommen, Gehältern und Löhnen in Österreich reden. Dabei zu bedenken ist, daß die MetallerInnen (wegen hohem Organisierungsgrad) immer die besten Lohnabschlüsse haben, welche richtungsweisend für alle anderen Branchen sind, die dann traditionell immer ein bis zwei Prozent darunter abschließen.

Metaller*innen im Streik! Alle Räder stehen still. Bildlizenz: CCO

MetallerInnen im Streik! Alle Räder stehen still. Bildlizenz: CCO

Als nächstes streuen uns die UnternehmerInnen mit der Inflationsrate Sand in die Augen! Diese liegt momentan bei knapp über 2%. Zu bedenken ist aber, daß es sich dabei um die Teuerung sämtlicher Güter und Dienstleistungen handelt. Für kleine Einkommen sind die meisten Waren und Dienstleistungen aber gar nicht erschwinglich und sind daher also einfach falsche Daten für fast alle von uns. Für sie gäbe es den Mikro-Warenkorb (also das, was pro Woche durchschnittlich eingekauft wird; neben Essen auch Tschick, Zeitungen, Kantinenessen, Verkehr, Batterien und Klopapier, …) sowie für die Habenichtse den Mini-Warenkorb, der nur das durchschnittlich täglich eingekaufte Essen beinhaltet. Diese Warenkörbe kommen also viel genauer dort hin, wo die allermeisten von uns leben. Wenn man sich die höchsten Inflationsraten dieser Warenkörbe im letzten Jahr genauer anschaut, so kommt man beim Mini-Warenkorb im Juni bis August 2018 auf stolze 5,5% und beim Mikro-Warenkorb im Mai 2018 immerhin noch auf 3,8% (jeweils zum Vorjahresmonat).

Es kann also getrost festgestellt werden, daß für die unteren Einkommen alles unter 7% Lohnerhöhung (brutto) auf eine Kaufkrafteinbuße hinausläuft. Also Lohnraub und nichts Anderes. Denn die Waren, die wir herstellen (nicht unsere Chefs) werden ja trotzdem teurer.

Jetzt ist der ÖGB aber in die Metaller-KV-Verhandlungen mit der Forderung von 5% eingestiegen. Die UnternehmerInnen können sich nur bucklert lachen! Speziell der Publicity-Coup der Rechts-/ rechsextremen Regierung, die den Wunsch nach einem „guten Abschluß“ für die ArbeitnehmerInnen medial transportiert hat, läßt die Sache noch schräger werden.
Dazu kommt noch, daß die Konjunktur gerade extrem anzieht, im Metallbereich die Auftragsbücher voll sind und teilweise über 15% Plus zu verzeichnen sind. Die letzten Jahre hat es genug geringe Abschlüsse – bis hin zu Nulllohnrunden – gegeben. Diese wurden von Unternehmensseite durchgesetzt, obwohl die Gewinne und die Vermögen während der „Wirtschaftskrise“ die letzten zehn Jahre natürlich kräftig weiter angewachsen sind. Und diese Nullohnrunden ziehen sich jährlich weiter. Denn zwei Jahre 3% sind immer noch viel mehr als einmal Nullohnrunde und einmal 6%!

Der ÖGB müsste also ganz real und ohne Übertreibung mindestens 10% erkämpfen, damit für breitet Teile der Bevölkerung überhaupt ein gutes Plus beim täglichen Leben zu spüren ist. Um gar eine Kompensation für die 60-Stunden-Woche und den 12-Stunden-Tag zu erreichen, sind alle Forderungen unter 35-Stunden-Normalarbeitszeit pro Woche für Alle und 15% Lohnerhöhung ungeeignet! Nochmal, wir sprechen hier nicht von besonders umwerfenden und revolutionären Veränderungen, sondern von einer Dimension, die als adäquate Antwort auf die überfallsartige Einführung der 12/60-Stundengesetze geeignet wäre.

Der ÖGB scheint aber nichts mehr zu fürchten als kämpfende ArbeiterInnen. Und so ist er eben mit 5% als Forderung in die Verhandlungen für den Metaller-KV gegangen. Dies wird erfahrungsgemäß auf einen Abschluß irgendwo bei 3,8 % hinauslaufen. Das verhöhnende Gegenangebot von 2,02% war die dementsprechende Antwort der UnternehmerInnen auf eine sich derartig unselbstbewußt und unterwürfig präsentierende Gewerkschaft, …

Die Einzige richtige Antwort wäre, wenn die MetallerInnen nun bei den Versammlungen die Forderungen ihrerseits hinaufschrauben. Die Vergangenheit hat uns leider gezeigt, daß dies ohne kämpferische Gewerkschaften nicht passieren wird. Und gerade auch deshalb organisieren wir uns im Wiener Arbeiter*innen Syndikat. Die KollegInnen der Metallbranche gehören dennoch wo irgend möglich bei ihren Betriebsversammlungen und dem zaghaften Kampfeswillen unterstützt. Besonders falls es doch noch zu Streiks kommen sollte. Den HacklerInnen selber müssen wir unsere Solidarität zuteil werden lassen, damit die kleinen Kämpfe gewonnen werden und die Leute merken, daß sie problemlos gewinnen können, wenn sie organisiert und solidarisch vorgehen. Das Wissen, daß jeder Mensch jederzeit – auch ohne Betriebsräte und ÖGB – streiken kann, daß es auch andere Kampfformen gibt und daß man gemeinsam mit KollegInnen oft mehr erreicht, als mit irgendwelchen „VertreterInnen“, muß gestärkt werden.

Die ganzen oben beschriebenen Tatsachen müssen von uns allen aus der Individualisierung auf die einzelne ArbeiterIn herausgeholt werden, als die Struktur offengelegt und benannt werden, die sie sind! Damit das Klassenbewußtsein wieder steigt und wir HacklerInnen uns unserer kollektiven Stärke bewußt werden. Dann können wir die Zustände nachhaltig verändern!

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