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AMS: Sinnlose Kurse? Die Sinnentleertheit ist ja ihr Sinn!

In Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit on März 13, 2014 at 6:23 pm

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Mit der massiven Zunahme der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren können es immer weniger Betroffene einfach hinnehmen, wenn am Arbeitsamt, das eigentlich irgendwann mal dazu da gewesen sein soll Stellenangebote zu unterbreiten, so getan wird als ob ihre mindere Qualifikation an ihrer Situation schuld seien.

Das AMS bemühte sich immer wieder zu behaupten, dass seine Kurse durchaus einen Sinn hätten. Angeblich würden 180.000 von 300.000 KursteilnehmerInnen, also 60 Prozent, nach 6 Monaten einen Job bekommen. Zum einen sei mal angenommen, dass viele auch ohne diese „Massnahme“ einen Job gefunden hätten. Zum anderen haben diese Kurse durchaus einen Sinn, wenn auch nicht für den/die Arbeitslose.  Die Arbeitslosigkeit soll für den/die Betroffene/n so ungemütlich wie möglich werden, was in Zeiten wie diesen nur eine Konsequenz zulässt: Sich zu jedem Preis verkaufen zu müssen. Und das in der Regel in Arbeitsverhältnisse, die meist eine niedrigere Qualifikation voraussetzen als die vorangegangene Arbeitsstelle.

Das heißt die meisten Arbeitslosen sind dem AMS nicht zu wenig qualifiziert, sondern einfach noch nicht bereit jede Drecks-Hacke anzunehmen. Das ist das eine Ende der Wurst. Am andern Ende haben wir eine weitaus geringere Anzahl von unbesetzten spezialisierten Facharbeitsstellen, für die der Gros der Arbeitssuchenden angeblich nicht genügend einschlägiges Fachwissen und Berufspraxis haben. Wer sich gezwungen sieht regelmäßig Stelleninserate zu lesen wird schnell feststellen, das dies meist Qualifikationen sind, die vor wenigen Jahren noch im Betrieb über längere Zeiträume erworben und vermittelt wurden. Heute sollen öffentliche Gelder dafür verwendet werden, dass etwa in FH´s oder Universitäten möglichst viele momentan passende Fachidioten herangezüchtet werden, die dann mittels un- oder kaum bezahlter Praktika die Praxis erwerben. Um dann zu einem möglichst geringen Einstiegsgehalt vielleicht irgendwann mal eine Fixanstellung bekommen. Oder auch nicht.

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„Junge werden spezialisiert um arbeitslos zu sein“

Es betrifft alle

In der Mitte der Wurst haben wir einen Haufen von Schein-Arbeitsverhältnissen: „gemeinnützige Arbeitskräfteüberlasser“, Leiharbeitsfirmen und nicht zuletzt einen Wildwuchs von AMS-finanzierten privaten „Bildungseinrichtungen“. In letzteren finden vielleicht dann ein paar der vielen arbeitslosen AkademikerInnen als schlechtbezahlte Vortragende und Aufpasser für die vielzitierten Sinnlos-Kurse doch noch eine entsprechend sinnstiftende Arbeitsstelle. Ein Uniabschluss (oder zwei) paßt halt nicht in das Bild des unterqualizierten Arbeitslosen. Nicht ganz nebenbei hat sich die Arbeitslosen-Kursindustrie zu einem ausgewachsenen Business entwickelt – finanziert aus den Beiträgen der ArbeiterInnen in die Arbeitslosenversicherung.

Immer mehr Menschen arbeiten in Jobs deren Zweck es ist, Geschäft mit der Arbeitslosigkeit und dem damit zusammenhängenden Auswahl- und „Qualifizierungs“-Wahn zu machen.  Job-Announcen entpuppen sich beim näheren Hinsehen als Werbung für Seminare zum „selbstsicheren Auftreten bei Bewerbungsgesprächen“. Assessment center sprießen aus dem Boden. Nicht-existenzsichernde Jobs werden teils mit immer bizarreren Auswahlverfahren und unbezahlten Einschulungsphasen vergeben. Manche „Ausbildungen“ im Vorlauf von „Selbstständigen“ – Jobs müssen sogar von den BewerberInnen selbst bezahlt werden. Irgendwann mal, nach zahlreichen teils unbezahlten Übung-Arbeitseinheiten, können die dann selbst eine Ausbildung zum „Trainer“ machen. Bezahlen müssen sie die freilich auch selbst. Pyramidenspiel heißt das normalerweise, trotzdem machen viele – gerade Gebildete – dabei mit. Das Geschäft mit der Zukunfts-Angst treibt immer seltsamere Blüten.

Der große Rest sind die vielen Arbeitsstellen die einfach zu einem wesentlich schlechteren Lohn als früher besetzt werden können. Massenarbeitslosigkeit sei Dank. Und alle, die noch „feste“ Jobs haben sollen sich ruhig anscheißen, Reallohnkürzungen und andere Verschlechterungen hinnehmen und sich brav Reih um Reih ins „Burn-Out“ hackeln.

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Statt Sinnlos-Kurse: noch mehr Sinnlos-Kurse

Die Angst auf der Strecke zu bleiben, die wachsende Perspektivlosigkeit und Vereinsamung bringt manche dazu sogar etwas Positives in den Kursen zu erkennen. So weit sind wir schon! Dem gegenüber stehen allerdings 300 offiziell kolportierte Beschwerden. Dass etwa 15 000 AMS- „KlientInnen“ sich im vergangenen Jahr so lange geweigert haben den Zwangsmassnahmen des AMS zu beugen, bis ihnen das Arbeitslosengeld gestrichen wurde, für dass sie eigentlich oft Jahre oder gar Jahrzehnte in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, war nur eine kleine Randnotiz wert. Die wachsende Renitenz der Betroffenen wird aber wohl der wahre Grund für den aktuellen medialen Aufruhr rund um das Thema der Sinnlos-Kurse sein.

Nun reagiert das AMS: „Ab November soll es mehr Flexibilität und Individualität geben. Arbeitslose sollen künftig nach einer Beratung selbst entscheiden, welche Workshops sie in Anspruch nehmen und wie sie ihre bis zu sechs Wochen dauernde Aktivierungsphase aufteilen wollen. Das soll verhindern, dass Arbeitslose für sie sinnlose Kurse besuchen müssen oder bereits absolvierte Kurse noch einmal machen müssen. Das neue Kursprogramm soll mit rund 20 Bausteinen beginnen. Die Auswahl reicht dabei vom Bewerbungsunterlagencheck über Gesprächs- und Stimmtraining bis hin zu Präsentation und Umgang mit Absagen. Werden spezifische Leistungen nachgefragt, könne das AMS durchaus noch nachrüsten. Das Budget für die Bausteine bleibt gegenüber den Kursen unverändert. Für die neue Jobwerkstatt stehen 16 Mio. Euro zur Verfügung.“ (orf.at)

Also: Die „Aktivierungskurse“ heißen einfach anders bzw. bekommen unterschiedliche Bezeichnungen. Statt menschenwürdigen Jobs vermittelt zu bekommen werden die Arbeitslosen weiterhin für ihr Schicksal verantwortlich gemacht (und zum Narren gehalten). Der Zwang bleibt, und ebenso das Business das mit dem Elend der Arbeitslosigkeitsverwaltung gemacht wird.

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Der politische Sinn: „Die Arbeitslosen von der Straße weghalten“

Immer wieder mal verlautbaren Sozialpolitiker ihr wahres Motiv hinter der Förderung dieser Kurs-Maßnahmen. Wenn etwas aus den 1930ern gelernt wurde dann leider nur das eine: Bring die Arbeitslosen dazu, zuerst zu denken es wäre ihre eigene Schuld. Und dann verwahre sie so lange wie möglich in einschlägigen Anstalten damit sie nicht auf blöde Ideen kommen: Kriminell werden, pfuschen, sich jetzt selbst um die Verbesserung ihrer Lage zu kümmern, vielleicht Arbeitsämter anzünden oder gar Supermärkte plündern. Das wird klarerweise nicht in der Deutlichkeit ausgesprochen, schließlich sind auch Arbeitslose WählerInnen und außerdem sollen sie eben nicht auf blöde Gedanken gebracht werden. Das Problem wurde in den 1930ern mit Schaufelkolonnen diverser „Arbeitsdienste“, dann in der NS-Diktatur mit Kriegswirtschaft, Zwangsarbeits- und „Arbeitserziehungslagern“ „gelöst“. Heute geht das viel fortschrittlicher.

Die einzige Lösung für uns ArbeiterInnen, ob mit Job oder hackenstad: Aufsässig bleiben und noch aufsässiger werden! Am besten gemeinsam! Damit sie wieder mit den Löhnen rauf- und die Arbeitszeiten runter gehen müssen, und so die Arbeitslosigkeit weniger wird. Damit Arbeitslose in Ruhe gelassen und ausreichend versorgt sind. Und damit wir eines nicht mehr so fernen Tages das System hinter uns bringen, dass Schuld ist an der Ganzen Malaise: Die Lohnarbeit, der Kapitalismus.

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„Arbeitslose vereinigt Euch! Was Einheit alles bewirkt“

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  1. Erschreckend, dass es in Österreich nicht anders aussieht als in Deutschland. Allein die Zustände im Bereich der Zeitarbeits/Verleiherfirmen. Bisher konnte ich mit ein bisschen Tricksen noch einen Bogen drum herum machen, aber ich befürchte, dass mich das Jobcenter hier bald auch an diese Firmen verkaufen wird.
    Mein Freund ist Österreicher und auch er findet keinen Job. Er hat vor 2 Jahren seine Ausbildung abgeschlossen und dümpelt seitdem von Kurs zu Gelegenheitsjob – ich selbst habe mein Studium abgeschlossen und finde auch seit einem Jahr keine Arbeit, obwohl ich in einem Ballungszentrum wohne.
    Seit einiger Zeit wird mir klar: Wir haben keine Chance mehr auf dem jetzigen Arbeitsmarkt. Man muss immer in Angst leben, den Job zu verlieren und in den sozialen Abstieg (z.B. Hartz4) zu rutschen.
    Eine gute Freundin hat einen 1-Jahresvertrag von ihrer Firma bekommen und zieht jetzt mit ihrem Freund in eine neue Wohnung und das erste, was ich mir denke: Was ist, wenn sie beide arbeitslos werden in einem Jahr? Dann DÜRFEN sie die Wohnung nicht halten, weil sie vermutlich zu teuer sein wird.
    Wir leben wirklich nicht in schönen Zeiten….

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