wiener arbeiter*innen syndikat

Buchrezension

In Kulturelles und Rezensionen on Dezember 19, 2013 at 8:46 am

Freie Frauen – unterdrückt, vergessen und wieder entdeckt.

Eine Historikerin auf der Spuren einer der wenigen anarchafeministischen kämpferischen Organisationen des 20. Jahrhundert.

880_0Vera Bianchi. Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe der Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Münster: Unrast-Verlag, 2003. 160 S.

Entgegen romantisierenden Vorstellungen des Spanischen Bürgerkrieges als anarchistisches Paradies, schildert Bianchi in einer klaren, historischen Abfolge die Realität der Frauen im widerständischen Spanien und zeichnet ein Bild einer starken und enorm fortschrittlichen Frauenvereinigung innerhalb der Anarchistischen Bewegung Spaniens.
Zunächst widmet sich die Autorin einer genaueren Schilderung über die Ausgangslage und den Verlauf des Spanischen Bürgerkrieges (1936 – 1939) um die Voraussetzungen zu schaffen, die Handlungsweisen und Intentionen der verschiedenen Gruppen näherbringen zu können.
Die im April 1936 gegründeten Mujeres Libres (span. für „Freie Frauen“) begannen als Zeitschrift von der insgesamt 13 Ausgaben bis 1939 erschienen (die Autorin verweist hier auf die schwierige Quellenlage, es dürften vermutlich mehr gewesen sein) und hatten auf ihrem Höhepunkt vermutlich um die 20.000 Mitglieder, unterhielten Kurse zur Alphabetisierung, Erlernung von Fremdsprachen, Mathematik, Geographie und anderen elementaren Bildungslementen, kämpften für die gesellschaftliche und sexuelle Befreiung der Frau, sowie gegen das Prostitutionsgesetz von 1931, das Frauen, die sich zur Prostitution gezwungen sahen, kriminalisierte. Außerdem boten sie diverse Ausbildungen an, sei es Kleiderschneiderei, Landwirtschafts- oder Ingenieurskurse oder Kranken- und Kinderdienstausbildungen mit Praktika an.
Neben diesem breitgefächerten Angebot mit dem sie die soziale Revolution in Spanien vorantrieben, kämpften auch einige der Mujeres Libres aktiv im Bürgerkrieg, sie gründeten eine Columna Mujeres Libres und gingen als Milicianas an die Front. Nach der Umwandlung der Milizen in ein reguläres Heer mußten jedoch auch sie sich auf unterstützende Tätigkeiten zurückziehen (waschen, nähen und bügeln für die männlichen Kämpfer).
Die Mujeres Libres standen durch ihre Taktik des „doppelten Kampfs“ (einerseits die Befreiung der Frau aus dem partriarchischen System und andererseits das, gemeinsam mit den anarchistischen Genossen, Vorantreiben der Revolution, span. Doble Lucha) im Kreuzfeuer der anderen anarchistischen Organisation bzw. der anarchistischen Bewegung. Die Gruppe erkannte, dass sich ohne eine nachhaltige Änderung des Verhältnisses Mann-Frau auch nach einem Sieg über die faschistischen Putschisten nichts ändern würde und erfuhren deswegen harte Kritik aus den eigenen reihen der anarchistischen Genossen und Genossinnen, sie hatten kein inhaltliche Unterstützung durch FAI, CNT oder FIJL, was sie jedoch nicht daran hinderte, ihren Weg sehr erfolgreich fortzusetzen.
Vera Bianchi hat mit ihrem Buch einem in der deutschsprachigen Geschichtsforschung kaum beachtetem Thema zu neuem Bewusstsein verholfen und schafft den Sprung zwischen wissenschaftlicher Basis und Lesbarkeit für alle Leserinnen und Leser, auch fernab der historischen Zunft. In einer selten erreichten sprachlichen Klarheit führt sie uns ins anarchistische Spanien und zeigt die Schwierigkeiten der Frauen auf, die es notwendig machten, einen doppelten Kampf zu kämpfen. Zuletzt erfreut das Buch noch mit einer Fülle an Bildmaterial zu den Mujeres Libres: Zeitschriftencover, Bilder der milicianas und Plakate und Grafiken des Bürgerkriegs.

„Die Faust erhoben, Frauen von Iberien, hin zu lichtgeschwängerten Horizonten.“   

Bestellmöglichkeit:
anarchia-versand

Weiterführende Literatur und Weblinks:
Himno de Mujeres Libres
Interview mit Vera Bianchi anlässlich der Linken Literaturmesse
Eintrag über die Mujeres Libres in der Anarchopedia
Texte zur spanischen Revolution auf anarchismus.at

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